Die Mindful Doctor Konferenz 2020

Am ersten Septemberwochenende 2020 trafen sich über über hundert Mediziner*innen, Studierende, aber auch einige Nicht-Mediziner*innen in der Villa Sankt Elisabeth mitten in Berlin, natürlich Corona-konform, zur zweiten Auflage der Mindful Doctor Konferenz.

Um vier Säulen hatte das Team um Initiator Dr. Alvar Mollik abwechslungsreiches Programm gestrickt: die Schlagworte Mindfulness, Communication, Health und Change zogen sich wie ein roter Faden durch Keynotes und Workshops.

Bereits die Begrüßung durch Alvar war alles andere als konventionell. Zwei Minuten stillen Blickkontakt mit dem Sitznachbar zu halten war eine ungewohnte, intensive Erfahrung, die ihren Zweck jedoch erfüllte – im Hier und Jetzt anzukommen und Verbundheit zu spüren. Der erste Abend begann mit intensivem Input in spannenden Keynotes:

Sven Steffes-Holländer, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Heiligenfeld, stellte unter dem Titel Reinventing Hospital das Konzept und die Unternehmenskultur seiner 2017 neueröffneten Klinik vor: eine Gratwanderung zwischen einer gesunden, wertschätzenden Unternehmenskultur, einer ganzheitlichen Therapie und Wirtschaftlichkeit. Meditation wird hier als zentrales Element des therapeutischen, aber auch des Arbeitsalltags genutzt.

Die sympathische Britin Dr. med. Reena Kotecha erzählte in einem bewegenden Vortrag von ihrem eigenen Weg als Ärztin gefangen in chronischem Stress und unter dem ständigem Druck, nicht genug zu sein. Schließlich gelangte sie zu der Erkenntnis Healthcare starts with Selfcare und trägt diesen Grundsatz nun mit Workshops u. a. zu Mindfulness Based Stress Reduction und ihrem Programm „Mindful Medics“ in die Welt.

Einen abschließenden wissenschaftlichen Blick auf das Thema Achtsamkeit lieferte die Neurowissenschaftlerin Prof. Tania Singer mit einem Einblick in die Komplexität ihrer jahrelangen Forschung zu den Auswirkungen mentalen Trainings auf Emotion, Sozialverhalten, Empathie und Selbstwahrnehmung. Zum Weiterlesen: das ReSource-Projekt

Abgerundet wurde das Freitags-Programm von einer kleinen Teezeremonie und wunderschöner Live-Harfenmusik.

Am Samstag Morgen trafen sich alle Teilnehmer zur Begrüßung im alten Kirchenschiff. Mit einer gemeinsamen Power-Atmung und einer Meditation stimmten wir uns auf den Tag ein. Ich, die sich persönlich eher als weniger „spirituell“ bezeichnen würde, empfand die Atmosphäre als sehr angenehm: Spiritualität wurde als Instrument der Achtsamkeit ganz natürlich integriert, ohne „over the top“ zu wirken. So machte es wirklich Spaß, sorgte für ein verbindendes Gemeinschaftsgefühl und half, Ruhe in all den neuen Eindrücken zu finden.

Anschließend verteilten sich die Teilnehmer auf verschiedenste Workshops. Mit Einführungen in die Wim Hof-Methode, Qi-Gong, einem Impulsworkshop zum Thema Sustainable Hospital und Humor hilft heilen war ein breites Angebot dabei, das die Entscheidung schwer machte.

Das Frühstück (Overnight Oats!) stärkte für die Keynote von Dr. med. Thay Joe Tan, der sein Akupunkturkonzept Die 3 Schlüssel zur Schmerzfreiheit vorstellte. Natürlich wurde auch praktisch „gestochen“. Nach einem leckeren nachhaltigen Lunch folgten erneut Workshops. Für die mutigen Wim-Hof-Teilnehmer ging es nun tatsächlich ins Eisbad. Die anderen diskutierten zum Thema Mindful Leadership, lernten die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation oder die Kunst des Gesundheitspodcasts kennen.

Den krönenden und bewegenden Abschluss des Samstags bildete Dr. med. Tina Petersen mit ihrem Vortrag zum Thema Ärztegesundheit. Auch sie erzählte zunächst ihre eigene Geschichte als Ärztin und ihren Weg hin zu mehr Glück, Zufriedenheit und Erfüllung im Leben. Mit ihrem Programm Intuitiv gesund und ihrem Podcast Healthy Docs möchte sie andere auf dem Weg zu mehr Selbstfürsorge und dem Erkennen der eigenen Bedürfnisse begleiten.

Dinner im FREA

Mein persönlicher Wohlfühlmoment des Tages waren jedoch die guten, intensiven Gespräche und das hervorragende vegane Essen im FREA zum Abschluss des langen Tages. So viele neue Kontakte, neue Perspektiven und dazu eine sehr angenehme Stimmung sorgten für ein warmes Gefühl im Bauch und ein Lächeln auf den Lippen.

Auch am Sonntag weckte die Power-Atmung uns alle auf, gefolgt von einer Qi-Gong-Einheit an der Berliner Morgensonne.

Der anschließende kurzweilige Sofa Talk mit Dr. med. Sievert Weiss, Mitgründer von AMBOSS, stimmte auf das Themenfeld Neue Wege und Transformationsprozesse im Gesundheitswesen ein.

Dr. Martina Dopfer knüpfte mit dem Thema Achtsamkeit und Digitalisierung daran an und skizzierte, wie Mindful Leaders die neue Arbeitswelt gestalten. Achtsamkeit steigert Resilienz, belebt Innovation, fördert Empathie und ermutigt Transformation – eine absolute Allzweckwaffe also? Damit das nicht nur hohle Phrasen bleiben, lieferte sie auch gleich einige hilfreiche Tools: bewusste „Atem-Anker“ für Stressmomente fördern Resilienz, achtsame Kommunikation und Dankbarkeitsmomente dienen dem persönlichen Empowerment, während Brainwriting und Journaling unsere Innovationskraft fördern.

In einem sehr unkonventionellen Vortrag, der eher einer Gedankenreise glich, stellte Dr. med. Henri M. von Blanquet seine Vision der Zukunft der Medizin dar – „Gesundheitskapitäne“, die die Navigation durch die Zukunft der Medizin ermöglichen. Dr. med. André T. Nemat regte dagegen zum Nachdenken über das Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten der Digitalisierung und Fragen der Digital- und Medizinethik an. Diesem kontroversen Thema widmet er sich am Institute for Digital Tranformation in Healthcare.

Zwischendrin lud das Mindful Doctor-Team zum Journaling ein. Ein wirklich wunderbares Werkzeug der strukturierten Persönlichkeitsentwicklung – oder einfach nur zum Nachdenken, Reflektieren, Ankommen, Fokus finden. Eine der letzten Aufgaben bestand darin, drei persönliche Fazits des Wochenendes zu formulieren. Zwei davon teile ich, eines bleibt geheim:

  • Kommunikation mit anderen erfüllt mich.
  • Ich darf mir mehr Zeit  und Raum für Selbstfürsorge geben.

Das Wochenende war unheimlich inspirierend, bereichernd und erfüllend. Voller positiver Energie, wenn auch ein wenig erschöpft, machte ich mich auf den Heimweg. Viel Zeit nutzte ich zum Reflektieren und verarbeiten der Eindrücke. Das war definitiv erst der Beginn einer Reise, der nicht nur mich hoffentlich zu einer besseren, achtsameren Ärztin und einem zufriedeneren Menschen macht.