New Work und mentale Gesundheit – erste Spuren

Ein Beitrag von Eva Kuhn und Felix Radtke von Blaupause – Initiative für mentale Gesundheit im Gesundheitswesen e.V.

Disclaimer: Eva Kuhn und Felix Radtke sind Vorstandsmitglieder von Blaupause – Initiative für mentale Gesundheit e.V. (www.blaupause-gesundheit.de), ein gemeinnütziger Verein, der sich der psychischen Gesundheit aller Gesundheitsberufler*innen verschrieben hat. Seit Mai dieses Jahres gibt es eine ideelle Kooperation zwischen Blaupause und dem Suture Work Collective.

Frithjof Bergmann greift in seinem Buch ‚New Work – New Culture‘ auf eine eindrückliche Metapher zurück: Ein Zug fährt abwärts, wird jedoch zum Erschrecken der Passagiere immer schneller; denn: Der Zug ist ohne Lokomotivführer*in unterwegs, auch die Bremsen – und die Notbremse – sind defekt. Türen und Fenster sind fest verriegelt – und ohnehin ist der Zug nun schon so schnell, dass ein Abspringen für die Passagiere nicht mehr möglich (oder genauer: nicht mehr sicher) wäre (Bergmann 2019, S. 19).

Für Bergmann ist dies eine Metapher für einen Großteil unserer aktuellen Kultur, weit über die Arbeitskultur hinaus: Der defekte Zug steht für die unaufhaltsame Entwicklung (sei es Automatisierung, Ökonomisierung, aber auch Teile von Globalisierung und Digitalisierung); die Passagiere stehen symbolhaft für uns Menschen – und damit aus unserer Perspektive für Beschäftigte im Gesundheitswesen. Ganz diesem Bild des unaufhaltbaren, früher oder später verunglückenden Zuges entsprechend geht es für Bergmann nicht darum, den Zug (also das aktuell vorhandene Job-System und den Business-Job-Nexus) zu reparieren oder zu verbessern. Bergmann sieht New Work seit Beginn an vielmehr als Instrument, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen und die Wirtschaft (wieder) um die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse zu zentrieren. Eine Perspektive, die natürlich insbesondere im Bereich des Gesundheitswesens von entscheidender Bedeutung sein kann und unter Umständen auch in andere Gesellschaftsbereiche überspringen könnte. Unabhängig von der ganz grundlegenden und enorm wichtigen Frage, ob das Gesundheitswesen überhaupt den Gesetzen des Marktes folgen soll, stellt uns dieses Verständnis von New Work noch vor ein ganz anderes Problem: Ob und inwiefern New Work im Bergmannschen Sinne im Gesundheitswesen Einfluss auf die mentale Gesundheit der Gesundheitsprofessionen hat, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Es fehlen entsprechende Modellprojekte. Dennoch können über Umwege (und ohne Anspruch auf Vollständigkeit) erste Spuren ausgemacht werden.

1. Der Ist-Zustand: Ein defekter Zug?

In der jährlich stattfindenden Befragung des Marburger Bundes haben 2017 40% der Ärzt*innen angegeben, 49 bis 59 h/Woche zu arbeiten. 20% berichteten eine Wochenarbeitszeit von 60 bis 79 Stunden (Marburger Bund, 2017). Zudem sehen sie sich mit ökonomischem Druck, der sich in Einsparungs- und Rationalisierungsmaßnahmen, aber auch im Outsourcing ganzer Krankenhausbereiche sowie der Abrechnung nach DRG-System zeigt, konfrontiert (Faller & Störkel, 2017). Die ausufernden Arbeitszeiten gemeinsam mit ökonomischem Druck und oftmals fehlender Wertschätzung sind vermutlich Grund dafür, dass – auch im MB-Monitor 2017 – 19% der befragten Ärzt*innen angeben, sie überlegten sich, die ärztliche Tätigkeit komplett aufzugeben (Marburger Bund, 2017).

Ein ähnliches Bild ist für Pflegefachpersonen zu zeichnen: In einer Befragung von 2015 gaben 47% der Gesundheits- und Krankenpfleger*innen an, dass sie die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen auffallen lassen, da sie zu viele Aufgaben zu erledigen hätten (Schmucker, 2020).

Diese Zahlen sind keine Ausnahmen, sondern finden sich seit längerem in vergleichbarem Ausmaß in jeder Umfrage unter Gesundheitsprofessionen, auch über Ärzt*innen und Pflegefachpersonen hinaus. Und diese Zahlen bleiben für die dahinterstehenden Personen nicht folgenlos: 28,8% der jungen Ärzt*innen weltweit zeigen depressive Symptome (Mata et al., 2015) und auch Pflegekräfte sind im Vergleich mit anderen Berufsgruppen überproportional von psychischen Erkrankungen, besonders Depression, betroffen (TK, 2015).


Auf unserer Homepage und unserem Blog (v.a. der Rubrik Journal Club) berichten wir regelmäßig über aktuelle Umfragen unter Gesundheitsprofessionen und findet sich dort eine Zusammenschau zu mentaler Gesundheit und psychischer Erkrankung von Gesundheitsberufler*innen.


Die Covid-19 Pandemie spitzt, beispielsweise durch Aussetzen der Pflegepersonaluntergrenzen, diese Situation weiter zu. – Der Zug fährt zwar noch, doch ist Bergmann auch im Hinblick auf das deutsche Gesundheitssystem darin zuzustimmen, dass ein Crash-freier Halt im Hinblick auf Personalmangel, steigende Ökonomisierung und die mentale Gesundheit der Gesundheitsberufler*innen nicht abzusehen ist (Bergmann, 2019, S. 206f.).

2. Der Soll-Zustand: ein Vorgeschmack

Die Gefahr ist groß, dass der unaufhaltsame Zug mit seinen defekten Bremsen und verschlossenen Türen die im Gesundheitswesen Beschäftigten und dafür Verantwortlichen in eine lähmende Panik verfallen lässt. Auch wenn es noch keine belastbaren Daten über die Korrelation von New Work im Gesundheitswesen und mentaler Gesundheit gibt, können bereits etablierte Konzepte, die Überschneidungen mit New Work aufweisen, einen Hoffnungsschimmer geben. Hierzu zählt nach Fortmann (2020) das Konzept des Purpose, des Sinn-Erlebens und deckt sich für Schermuly und Koch (2019) der psychologische Empowerment-Ansatz nach Gretchen Spreitzer in weiten Teilen mit der Bergmannschen New Work Konzeption. Dabei kann anhand diverser Studien ein positiver Einfluss von psychologischem Empowerment auf mentale Gesundheit gezeigt werden, beispielsweise: Je ausgeprägter das psychologische Empowerment wahrgenommen wird, desto weniger Stress erleben die Studienteilnehmer*innen und desto geringer fällt nach drei Monaten die Neigung zu Depressionen aus. Und andersherum, “je geringer das wahrgenommene psychologische Empowerment war, desto höher war die Ausprägung des Burnouts” (Schermuly & Koch, 2019, S. 133). Auch ein negativer Zusammenhang zu der Gefahr der Depersonalisation konnte nachgewiesen werden (für die entsprechenden Studien s. Schermuly & Koch, 2019).

Inwieweit psychologisches Empowerment im Gesundheitswesen bereits implementiert ist und weiter verankert werden kann, ist jedoch eine andere Frage – vielleicht auch für Suture Work Collective.

Bis eine wirkliche Alternative für den unaufhaltbaren, früher oder später verunglückenden Zug gefunden ist, sehen wir von Blaupause es als unsere Aufgabe an, zur Förderung der mentalen Gesundheit aller Gesundheitsprofessionen beizutragen, über psychische Erkrankungen von Gesundheitsberufler*innen aufzuklären und zu entstigmatisieren. Unsere Interview-Reihe 5vor12 soll dazu ebenso beitragen wie die von uns entwickelte Going Home Checklist für besseres Detachment von der Arbeit. Daraus allein entsteht zwar kein New Work, vielleicht aber hilfreiche Tools, um der Arbeit, die wir wirklich, wirklich wollen, ein Stück näher zu kommen.


Literaturangaben

Bergmann, Frithjof (2019: New Work – New Culture. Work we want and a culture that strengthens us. Winchester – Washington: Zero Books.

Faller, Gudrun; Störkel, Friederike (2017): Wer hilft den Helfern? Gesundheitsförderung im Krankenhaus, in: Faller, Gudrun (Hrsg.): Lehrbuch Betriebliche Gesundheitsförderung. 3. Aufl. Hogrefe: Bern, S. 370.

Marburger Bund (2017): MB-Monitor 2017. URL: http://www.marburger-bund.de/sites/default/files/dateien/seiten/mb-monitor-2017/gesamtauswertung-mb-monitor-2017-presse-pk-website.pdf

Schmucker, Rolf (2020): Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen. Ergebnisse einer Sonderauswertung der Beschäftigtenbefragung zum DGB-Index Gute Arbeit, in: Jacobs, Klaus; Kuhlmey, Adelheid; Greß, Stefan; Klauber, Jürgen; Schwinger, Antje (Hrsg.): Pflege-Report 2019. Mehr Personal in der Langzeitpflege – aber woher? Heidelberg: Springer Open, S. 49-60. 

Mata DA, Ramos MA, Bansal N, et al. (2015) Prevalence of Depression and Depressive Symptoms Among Resident Physicians. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2015;314(22):2373–2383. doi:10.1001/jama.2015.15845.

Techniker Krankenkasse (2015): TK-Depressionsatlas 2015. URL: https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/696244/Datei/2288/Depressionsatlas-2015.pdf.

Fortmann, Harald R. (2020): Di New Work-Ära, in: Amelung, Volker E.; Eble, Susanne; Sjuts, Ralf; Ballast, Thomas; Hildebrandt, Helmut; Knieps, Franz; Lägel, Ralph; Ex, Patricia (Hrsg.): Die Zukunft der Arbeit im Gesundheitswesen. Berlin: MWV, S. 69-81. URL: https://bmcev.de/Amelung_Zukunft_der_Arbeit/web/html5/index.html?&locale=DEU&&pn=1.

Schermuly, Carsten C.; Koch, Jan (2019): New Work und psychische Gesundheit, in: Badura, Bernhard; Ducki, Antje; Schröder, Helmut; Klose, Joachim; Meyer, Markus (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2019. Digitalisierung – gesundes Arbeiten ermöglichen. Berlin – Heidelberg: Springer, S. 127-139.